Zweifelhafte Lebensberatung

Nicht wenige Menschen leiden unter Angststörungen. Sie erleben Ängste, die weit über das hinausgehen, was der gesunde Mensch gewohnt ist, und können sich in der Regel nicht ohne fremde Hilfe aus dieser Situation befreien.

ERF Medien hat sich in einem kürzlich erschienenen Artikel mit Angststörungen beschäftigt. Das ist an sich sehr zu begrüßen. Leider enthält der besagte Artikel aber neben vielen wertvollen Informationen auch fragwürdige Botschaften. Um diese soll es im Folgenden gehen.

Gebet statt Psychotherapie

Beim Lesen des Artikels kann man leicht den Eindruck bekommen, Gebet wäre das beste Mittel gegen Angststörungen. Dieser Eindruck wird vor allem durch die Berichte über zwei Frauen genährt, welche einst Opfer von Angststörungen waren. Über die erste der beiden, Maria Härtel, wird unter anderem berichtet:

Sie trifft eine alte Freundin wieder, die sie jahrelang aus den Augen verloren hatte. Diese Frau bietet Maria an, für sie zu beten. Die nimmt dankbar an. „Wir haben uns dann in eine ruhige Ecke gesetzt und sie hat für mich gebetet. Ich weiß nicht mehr, was sie gesagt hat, aber ich merkte, dass die Angst verschwindet.“

Die Angst ist dann zwar am nächsten Tag wieder da, aber bei einem weiteren Besuch ihrer Freundin lernt Frau Härtel die Botschaft von Gott, dem liebenden Vater, kennen. Der Bericht über sie schließt mit ihren folgenden eigenen Worten:

Das habe ich mir gewünscht: Nach Hause kommen, geliebt werden, vertrauen, geborgen und sicher zu sein. Ich habe dann immer wieder mit meiner Freundin geredet, sie hat mir von ihrem Glauben erzählt und eines Tages hat sie gesagt: „Du kannst Jesus einladen, in dein Leben zu kommen.“ Das wollte ich. Dann habe ich gebetet.

Ein Link führt einen bei Interesse zu dem ausführlichen Bericht über Frau Härtel, in welchem dann auch von einem neunwöchigen Klinikaufenthalt die Rede ist. Da dieser aber in der Kurzfassung fehlt, kann leicht der Eindruck entstehen, mit Gebet und Glauben wäre alles getan.

Ähnlich ist es mit dem Bericht über die zweite Frau, Gaetana Chatziioanno, in dem es über ihren Weg aus der Angststörung nur knapp heißt:

Im Laufe der Zeit lernt sie, die Symptome in den Griff zu bekommen, doch die Angst bleibt. Bis sie Gott um Hilfe bittet.

Ich kann den Leser an dieser Stelle nur warnen: Angststörungen sind kein Pappenstiel. Wer unter einer Angststörung leidet, sollte sich dringend in psychotherapeutische Behandlung begeben. Da es unter den Psychotherapeuten leider auch die eine oder andere Luftnummer gibt, sollte man gegebenenfalls auch nicht davor zurückschrecken, den Therapeuten zu wechseln.

Göttliche Heilung ist natürlich grundsätzlich immer möglich, aber man sollte auf keinen Fall glauben, dass Gott jegliche Psychotherapie überflüssig macht. Das macht er nämlich genauso wenig, wie er bei körperlichen Krankheiten jegliche ärztliche Behandlung überflüssig macht.

Leider befeuert der Artikel aber weiter das Vertrauen auf göttliche Hilfe ohne Psychotherapie, indem er die Sozialpädagogin und Seelsorgerin Cornelia Mack zu Wort kommen lässt. Frau Mack sagt zum Beispiel zu Panikattacken und dem „kompletten Hineinsteigern in Sorgen und Ängste“ folgendes:

Viele menschliche Ängste hängen, wenn man sie zu Ende denkt, mit der Angst vor dem Tod zusammen. Ein Beispiel: Wenn jemand Krankheitsängste hat, hat er möglichweise [sic] nicht nur Angst vor der Krankheit, sondern davor, dass er todkrank wird und stirbt. […] Wenn ich etwas habe, was stärker ist als der Tod und dem Tod die Macht nimmt, kann ich das der Angst entgegensetzen. Dann habe ich eine Waffe in der Hand, mit der ich der Angst einen Stopp setzen kann, weil ich sagen kann: „Ich weiß, wohin diese Angst letztlich führt, aber ich habe hier etwas, was stärker ist als genau diese Angst.“

Hier wird der Eindruck erweckt, als könne man sogar Panikattacken erfolgreich loswerden, wenn man sich nur ins Bewusstsein ruft, dass Jesus Christus stärker als der Tod ist. So etwas zu suggerieren ist aber meines Erachtens unverantwortlich. Auch bei Panikattacken wird wohl in der Regel eine Psychotherapie nötig sein.

Schwerere und leichtere Ängste

Der Artikel enthält eine Liste von 13 Arten von Angst, die an sich sehr hilfreich ist. Allerdings wird behauptet, die verschiedenen Ängste seien dort nach Schweregrad geordnet. Damit suggeriert der Artikel, dass manche Angststörungen, wie zum Beispiel Zwangsstörungen und posttraumatische Belastungsstörungen, weniger schlimm sind.

Die verschiedenen Angststörungen zeichnen sich aber vor allem durch verschiedene Symptome aus. Damit ist die eine Angststörung nicht unbedingt schwerwiegender oder weniger schwerwiegend als die andere, sondern einfach von anderer Art. Man kann nicht pauschal sagen, dass eine dauerhafte Angst ohne erkennbaren Auslöser wie bei der generalisierten Angststörung schlimmer ist als die Angst vor ansteckenden Krankheiten, die einen zu stundenlangen Reinigungsritualen drängt, wie beim Waschzwang.

Dazu kommt, dass jede Art von Angststörung in unterschiedlichen Schweregraden auftreten kann. Eine leichte Zwangsstörung ist vielleicht weniger belastend als regelmäßige Panikattacken, während eine ausgeprägte Zwangsstörung möglicherweise schlimmer ist.

Immigrationsskepsis als psychisches Problem

Die bereits im ersten Abschnitt erwähnte Cornelia Mack äußert sich auch zur „Angst vor Fremden“. Sie schreibt unter anderem:

Viele Menschen, die sich gut eingerichtet haben in ihrem Leben, haben durch die Flüchtlingsthematik Angst vor Fremden. Es ist verständlich, dass man diese Angst hat. Denn wenn man weiß, wie das Leben funktioniert, wird es durch Fremdes, das in das Leben hineinkommt, in den Abläufen gestört. Ich muss mich auf Neues einstellen.

Auch die Mutter von Susanna F. ist von diesem Problem betroffen. Mit der Vergewaltigung ihrer Tochter und dem anschließenden Mord an ihr kamen gleich zwei fremde Dinge in das Leben der Mutter, in welchem sie sich doch so gut eingerichtet hatte. Nun ist ihr Leben in seinen Abläufen gestört. Der Verlust ihrer Tochter und die gestiegene Gefahr, vergewaltigt und ermordet zu werden, sind etwas Neues, auf dass sie sich einstellen muss.

Um es klar zu sagen: Bei den obigen Worten von Frau Mack klappt mir die Kinnlade hinunter. Da kommen massenhaft Menschen aus von Unterdrückung und Gewalt geprägten Kulturen in unser Land und verhalten sich zum Teil gemäß diesen Kulturen und was macht Frau Mack? Sie bagatellisiert dieses Problem und meint dann, die Ängste ihrer Mitmenschen zu verstehen.

Und es kommt noch schlimmer. Frau Mack fährt fort:

Diese Angst kann auch bei anderen Situationen, wo Fremdes in mein Leben kommt, sichtbar werden: Wenn ich eine neue Arbeitsstelle antrete, neue Nachbarn bekomme oder ein Schwiegerkind kennenlerne. Das sind Dinge, die mir zunächst Angst machen können, weil ich mich damit noch nicht auskenne.

Ehrenmorde sind also ebenso herausfordernd wie ein neues Schwiegerkind. Unglaublich! Tröstlich, dass uns die Ehrenmorde nur zunächst Angst machen. Momentan kennen wir uns mit ihnen noch nicht aus, aber bald schon werden wir sie als etwas völlig Normales empfinden.

Weiter erfahren wir von Frau Mack:

Angst ist oft mit völlig skurrilen Bildern behaftet. Viele Menschen haben ja abstruse Vorstellungen über Ausländer: „Die nehmen uns unser Eigentum weg, sie stehlen und überfallen uns nachts.“

Die Angst vor Diebstahl oder Raub ist berechtigt. Kennt Frau Mack eigentlich die Kriminalstatistiken? Ich habe mir mal den IMK-Bericht 2017 angeschaut und war entsetzt. Ausländer stellen 34,8 % der Tatverdächtigen, obwohl sie nur 11,6 % der Bevölkerung ausmachen. Ausländer sind also anscheinend viermal so kriminell wie Deutsche. Bei Mord, Totschlag und Tötung auf Verlangen sind sogar 42,3 % der Tatverdächtigen Ausländer und bei den von Frau Mack angesprochenen Raubdelikten 40,3 %.

Als ersten Schritt gegen die Ausländerangst empfiehlt Frau Mack die Begegnung:

Es ist wichtig, dass wir den Mut haben, uns auf diese Menschen einzulassen und die Begegnung mit ihnen zu suchen. Dann werden wir merken, dass unsere Vorstellung ganz anders ist als die Wirklichkeit. Häufig wird die Angst damit schon ein Stück weit entmachtet, dass ich mich dem stelle, was mir Angst macht, und ich ins Gespräch komme mit all diesen Themen.

In diesem Sinne lade ich Frau Mack ein, mit mir ins Gespräch zu kommen. Vielleicht werde ich ja dadurch meine angebliche Xenophobie los und vielleicht verliert ja auch Frau Mack eine eventuelle Angst vor Kritikern der Massenimmigration.

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3 Gedanken zu „Zweifelhafte Lebensberatung

  1. Kokospalme Autor

    ERF Medien hat einen neuen Artikel zum Thema „Angst“ veröffentlicht mit dem Titel „Warum nimmt Gott meine Angst nicht weg?“ Sehr gut! Ob da mein obiger Blogartikel bei der Themenwahl geholfen hat?

    Leider geht dieser neue ERF-Artikel nicht so sehr in die Tiefe, wie es wünschenswert wäre, und bietet dem von Ängsten Geplagten nicht unbedingt tragfähige Antworten. Anlass genug für eine weitere Analyse meinerseits, über die ich demnächst berichten werde, wenn es die Zeit erlaubt.

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