Euro-Gott

Die aktuelle Ausgabe der Zeit wartet gleich auf der Titelseite mit einem Euro-Plädoyer von Altbundeskanzler Helmut Schmidt auf. Die schier unglaubliche Überschrift: „Ohne den €uro ist alles nichts!“ Darunter die Erklärung: „Wir müssen die gemeinsame Währung gegen nationale Egoismen verteidigen. Sonst gibt es kein geeintes Europa mehr. Und dann steht nichts Geringeres auf dem Spiel als unsere Zivilisation.“

Ich bin ja einiges gewöhnt, aber soviel Fanatismus verschlägt mir schon fast die Sprache. Man lasse sich das mal auf der Zunge zergehen: Ob Ehepartner, Kinder, Eltern, Freunde, Gesundheit, Kunst, Musik, Technik, Wissenschaft, was auch immer – das ist alles nichts, wenn es den Euro nicht gibt! Sogar die Erlösung von Gottesferne und ewigem Tod durch Jesus Christus soll ohne den Euro nichtig sein? Hier betet offenbar jemand den Euro an. Ich weiß nicht, ob Schmidt selbst eine derart radikale Euro-Vergötterung betreibt. Vielleicht stammt die Überschrift auch von einem übereifrigen Redakteur. Allerdings finde ich auch eurofanatische Redakteure nicht gerade harmlos.

Die Warnung vor dem Zusammenbruch unserer Zivilisation erweckt ebenfalls nicht gerade den Eindruck von Nüchternheit. Im Artikel selbst erkennt man, dass Schmidt „nur“ die europäische Zivilisation meint. Aber warum sollte die zusammenbrechen? Schmidt nennt als Kernpunkte dieser Zivilisation die Trennunng von Kirche und Staat, die Gewaltenteilung, die parlamentarische Demokratie sowie die gemeinsame Musik, Kunst und Literatur. Sind diese denn Früchte der EU? Die Idee der Trennung von Kirche und Staat gibt es laut Thomas Schirrmacher schon im Alten Testament. Die Gewaltenteilung wurde bereits im 18. Jahrhundert von Montesquieu propagiert und im 20. Jahrhundert durch die EU abgeschafft. Und die großen Komponisten, Maler und Schriftsteller der Vergangenheit hatten noch keine Unionsbürgerschaft.

Schmidts Konglomerat aus Panikmache und Tatsachenverdrehung mündet in der Aussage: „Weitere Opfer von uns Deutschen an Souveränität und Geld sind geboten.“ Opfer an Souveränität bedeuten aber schlicht mehr Zentralisierung der Staatsmacht. Schon jetzt haben wir 27 Marionettenstaaten, die die Vorgaben aus Brüssel umsetzen müssen. Durch die Gleichschaltung der Staaten geht aber der Wettbewerb zwischen den Staaten verloren. Ein unabhängiger Staat muss bei schlechter Politik fürchten, dass ihm die Bürger weglaufen. Die EU kann aber ziemlich ungehemmt schlechte Politik machen, da man ja ziemlich weit laufen (und oft sogar schwimmen) muss, um ihr zu entfliehen. Und Opfer an Geld sind kontraproduktiv, wenn sie – wie im Falle Griechenlands – verantwortungsloses Verhalten fördern. Aber das haben ja Sozialdemokraten wohl noch nie verstanden.

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2 Gedanken zu „Euro-Gott

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