Von männlichen Solistinnen und weiblichen Lesern

Als ich ein kleiner Junge war, ging ich in eine Schulklasse, in der es 21 Schüler gab. Zumindest wurde das damals so behauptet. Heute würde man natürlich von 21 Schülerinnen und Schülern sprechen. Also von 42 Kindern. Ach nein, vielleicht doch lieber von 21 SchülerInnen? Aber was ist denn bitteschön einE SchülerIn? Ein/e Zwitter/in?

Political Correctness ist schwierig. Das gilt ganz besonders für den Bereich der „geschlechtergerechten Sprache“. Der Grund ist, dass die deutsche Grammatik bei vielen Personenbezeichnungen die Unterscheidung zwischen männlicher und weiblicher Form kennt. Eine dediziert geschlechtslose Form gibt es in diesen Fällen nicht.

Früher nahm man einfach die grammatikalisch männliche Form, wenn man auf das biologische Geschlecht keinen Wert legte. Sicher lag das vor allem daran, dass viele Bereiche von Männern dominiert waren. Aber wurde diese Lösung von Frauen und Mädchen als Benachteiligung empfunden? Keine meiner Mitschülerinnen wäre wohl im Traum auf die Idee gekommen, bei den „21 Schülern“ wäre sie nicht mit gemeint. Vermutlich hatte auch keine das Gefühl, zum Jungen erklärt zu werden. Die Verwendung der männlichen Form war eine Konvention und jeder konnte entsprechende Formulierungen richtig einordnen.

Dann kamen die Feministen – pardon: die Feministinnen und Feministen – und erklärten der Welt, dass meine Mitschülerinnen das alles ganz falsch sähen. In Wirklichkeit würden sie durch die maskuline Schlagseite der Sprache benachteiligt. Von nun an wurde gefordert, entweder ein geschlechtsneutrales Ersatzwort oder aber die männliche und die weibliche Form zu verwenden, wobei irgendwann die weibliche Form auch noch unbedingt vor der männlichen kommen musste.

Jüngere Leute kennen diese Zusammenhänge mitunter gar nicht. Zum Beispiel erzählte mir vor wenigen Jahren eine Bekannte, dass man im Italienischen für geschlechtsneutrale Bezeichnungen einfach die männliche Form nehmen würde und man es daher einfacher hätte als im Deutschen. Ich entgegnete, dass die italienische Regel eigentlich auch im Deutschen gilt, worauf sie mich ungläubig ansah.

Man kann nun schnell missverstanden werden, wenn man die männliche Form als geschlechtsneutralen Begriff verwendet. Diejenigen, die die Sichtweise der Feministen übernommen haben, interpretieren diese Art zu formulieren als Ausfluss von Frauenfeindlichkeit, obwohl der Sprecher gar nichts böses im Schilde führt.

Es gibt natürlich auch Leute, die noch nicht so richtig feministisch umgepolt sind. So kenne ich auch Frauen, die sich auf die männliche Form beschränken, darunter sogar eine Gleichstellungsbeauftragte. Im Schriftverkehr bemühen sich diese Leute oft, politisch inkorrektes zu vermeiden. Oft übersehen sie dann aber einige rein maskuline Bezeichnungen. Die feministisch akzeptierte Ausdrucksweise steht einfach dem normalen Sprachgebrauch so sehr entgegen und ist auch so aufwändig, dass es bewusste Anstrengung kostet, diese konsequent durchzuziehen. Political Correctness ist schwer.

In juristisch relevanten Dokumenten ist man mit dem „korrekten“ Sprachgebrauch natürlich ganz konsequent. Das reduziert zwar drastisch die Lesbarkeit, aber dieses Opfer muss man wohl bringen. Leider verhaspelt man sich beim geschlechtergerechten Formulieren auch schnell einmal. So kann es vorkommen, dass für eine Aufgabe „ein qualifizierter Mitarbeiter oder eine Mitarbeiterin“ gefordert wird, was nichts anderes heißt, als dass man bei Frauen auf die Qualifikation verzichten kann. Vielleicht ist das ja eine neue Strategie zur Erhöhung des Frauenanteils. 🙂 Mir ist auch ein Formular bekannt, auf dem hinter verschiedene Substantive ein „/in“ geschrieben wurde wie z.B. in „Mitarbeiter/in“. Zum Schluss steht dort „Vorgesetzter/in“. Überhaupt scheint es eine feministische Triviallinguistik zu geben, die der Meinung ist, dass die Silbe in das Universalmittel gegen das Patriarchat ist. So liest man heute oft das Wort Beamtin, wo es sich eigentlich um eine Beamte handelt.

Aber mit diesen ganzen skurrilen Beispielen ist das Repertoire feministischen Neusprechs noch lange nicht erschöpft. Neulich erlebte ich auf einem Bürgerfest einen Moderator, der mal nur die weibliche und mal nur die männliche Form verwendete. Über ein Bürgerprojekt sagte er, dass dieses eine Aktion „von Bürgerinnen für Bürger“ sei. Also eine Initiative der Frauen für die Männer? Er dankte auch den „Solistinnen“, obwohl sich unter diesen ein Mann befand. Was mag der Mann bei diesem Dank empfunden haben?

Eine Soziologin berichtete einmal begeistert von einem Experiment, welches darin bestand, für gemischtgeschlechtliche Gruppen ausschließlich weibliche Bezeichnungen zu verwenden. Den anwesenden Männern sollte damit klar gemacht werden, wie Frauen sich fühlen, wenn ihr Geschlecht sich nicht in den grammatikalischen Formen widerspiegelt. Ein Mann, dem bei dieser rein weiblichen Sprache unwohl ist, merkt also, was den Frauen ständig angetan wird. Klingt logisch. Ist aber Unsinn. Wie oben ausgeführt, steht die grammatikalisch männliche Form nicht unbedingt für das männliche Geschlecht, sondern kann geschlechtsneutral gemeint sein. Jede Frau weiß das, sofern sie noch nicht erfolgreich durch die feministische Gehirnwäsche gegangen ist. Dagegen steht die weibliche Form immer nur für biologisch weibliche Personen. Deswegen muss sich ein Mann bei ausschließlich weiblicher Sprache zur Frau gemacht oder ausgeschlossen vorkommen. Frauen dagegen haben vermutlich keine entsprechenden Empfindungen, wenn einer „männlich“ spricht.

Die schönste und zugleich subtilste Abrechnung mit dem feministischen Neusprech habe ich bei Roland Baader gelesen. Zu Beginn seines Buches Geld, Gold und Gottspieler stellt Baader klar, dass er mit dem Begriff Leser nicht nur Männer anspricht. Huch, fühlt sich jetzt schon das libertäre Maschinengewehr Baader bemüßigt, sich für normale Wortwahl zu entschuldigen? Nein, Baader nutzt die Situation, um seine Meinung zur politisch-korrekten Sprachverwurstung kundzutun. Er schreibt, dass er das Wort Leser als Gattungsbegriff verwendet und er mit diesem selbstverständlich auch die „weiblichen Leser“ meint. Nicht die „Leserinnen“, sondern die „weiblichen Leser“! Das ist der Arschtritt in Richtung der feministischen Sprachpolizisten. In deren Weltbild, wo „Leser“ nur Männer sein können, kann es „weibliche Leser“ gar nicht geben. Baader untermauert mit seiner geschickten Wortwahl, was er von den Sprachregelungen der Feministen hält: Völlig unbegründet!

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